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Lateinische Verse bauen sich in einer Abfolge von langen und kurzen Silben auf (quantitierender Rhythmus), während beim deutschen Vers betonte und unbetonte Silben aufeinanderfolgen (akzentuierender Rhythmus).
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Leitfaden für den Hexameter


Hexameter

Spondeus Zäsur Enjambement (Zeilensprung) Dihärese

Die metrische Grundeinheit (Metrum oder Versfuß) des Hexameter ist der Daktylus, der aus einer betonten Länge (auch Hebung genannt) und zwei unbetonten Kürzen (auch als Senkung bezeichnet) besteht.

Folgende Symbole werden verwendet:
 

- Länge
= Länge als Ersatz für zwei Kürzen
v Kürze
x syllaba anceps (lang oder kurz)
_ Verschmelzung oder Ausstoßen von Vokalen (Aphärese, Elision)

Der Hexameter setzt sich - wie schon der Name sagt (hex = sechs) - aus sechs Daktylen zusammen:

- v v / - v v  / - v v / - v v / - v v / - x

Daktylus bedeutet Finger. Auch beim Finger folgen auf ein langes zwei kurze Glieder.

'Betont' wird immer die erste Länge, der erste Halbfuß eines Daktylus.

Der letzte Daktylus ist unvollständig, es ist ein katalektischer Versfuß, wobei die Silbe am Ende kurz oder lang sein kann, eine sogenannte 'syllaba anceps'.

Grundsätzlich können zwei Kürzen durch eine Länge ersetzt werden. Wir sprechen dann nicht mehr von einem Daktylus, sondern von einem Spondeus. Im 5. Versfuß findet sich selten ein Spondeus.

Der Wechsel zwischen Daktylus und Spondeus bewirkt eine Veränderung der Sprachmelodie und steht im direkten Zusammenhang mit dem Textinhalt. So drücken rein daktylisch aufgebaute Hexameter Bewegung und Eile aus, wobei Spondeen eine Verzögerung und Getragenheit bewirken.

Hier zwei Beispiele:
quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum
  -  v v -  v  v  -  v  v -   v v  -  v v  -  x
Donnernd zerstampft im Galoppe der Huf den trockenen Boden. (Vergil, Aeneis 8, 596)

pontum_aspectabant flentes. heu tot vada fessis
 -    =   -  = -     =  -     =  -   v v  -  x
Weinend betrachten alle die Tiefe des Meeres: Wehe, dass noch so viel Gewässer... (Vergil, Aeneis 5, 615)

Jeder Vers wird durch Atempausen gegliedert, durch Zäsuren oder Einschnitte. Eine Zäsur liegt vor, wenn ein Wortende nicht mit dem Ende des Versfußes zusammenfällt, sondern inmitten eines Versfußes ein Wort aufhört und ein anderes beginnt.

Die häufigste Zäsur liegt nach der der dritten Hebung bzw. nach dem 5. Halbfuß (Penthemimeres):

aio te, Aeacida, / Romanos vincere posse
- v  v  - v v -     = - =   -  v v  -  x

Neben der Penthemimeres findet sich auch sehr häufig eine Pause nach dem 4. Versfuß, die sogenannte bukolische Diärese, die besonders in der Hirtendichtung (Bukolik) verwandt wird.

obstruat, at caelum certe patet; / ibimus illac.
-    vv   -   =  -   =  -  v v     - v v  -  x

Ferner finden sich Caesuren nach der 2. Hebung, d.h. nach dem 3. Halbfuß (Trithemimeres), und nach der 4. Hebung, d.h. nach dem 7. Halbfuß (Hephthemimeres). Diese beiden Zaesuren treten in der Regel gemeinsam auf, wenn keine Penthemimeres vorhanden ist.

armati / circumsistunt / ipsumque domumque
-  = -    =  -  =  -     =  -   v  v -   x

Der stärkste syntaktische Ruhepunkt ist meistens das Enjambement), um die Versgrenze zugunsten einer engen Verbindung der Verse zu verwischen und sich der 'rhythmischen' Prosa zu nähern.

Man spricht von einer Dihärese, wenn Wortende und Versfußende im Vers zusammenfallen.

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Pentameter

Der Pentameter ist ein Hexameter, dessen 3. und 6. Metrum jeweils nur aus dem ersten langen Halbfuß besteht. Es entsteht also ein Versmaß, daß um 2 Halbfüße kürzer ist, also nur aus 5 Metren besteht. Der Pentameter hat aber wie der Hexameter 6 sogenannte Tonstellen ( lange Halbfüße zu Beginn eines Metrum). Nach dem 5. Halbfuß findet sich immer eine Penthemimeres.

- v v / - v v / - // - v v / - v v / x
                                     P = Penthemimeres

Nur in der vorderen Vershälfte können die Daktylen durch Spondeen ersetzt werden.
 

Das elegische Distichon besteht aus Hexameter und Pentameter jeweils im Wechsel.

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Quantitätsregeln:

Eine Silbe ist lang (-):

  • wenn ihr Vokal lang ist (Naturlänge)
  • wenn auf einen kurzen Vokal zwei Konsonanten (oder auch mehr, auch 'x' oder 'z', nicht 'qu' folgen (Positionslänge). Bei der Positionslänge ist es auch gleichgültig, ob die längenden Konsonanten zur selben Silbe gehören oder am Anfang des folgenden Wortes stehen. 
  • Der Buchstabe 'h' wird am Wortanfang vor einem Vokal nicht als Konsonant gewertet.

Alle anderen Silben sind kurz (v).

Ausnahme :

Folgt Muta (b, p, d, t, g, c, f) cum Liquida (m, n, l, r) - innerhalb ein und derselben Silbe - auf einen kurzen Vokal, so ist die Silbe vor der Muta cum Liquida in der Regel kurz. Gehören die Konsonanten verschiedenen Silben an, so tritt normalerweise die Positionslänge ein.

tenebrae
  v v   -

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Hilfen:

Lang sind alle Silben mit Diphthongen (Doppellaut 'ae' etc.).

Endsilben

  • die mit einem anderen Konsonanten als 's' schließen sind kurz (mensam, mensas).
  • Endsilben auf 'a' und 'e' sind meistens kurz.
  • Endsilben auf 'i', 'o' und 'u' sind meist lang.

Kurz ist ein Vokal, auf den im selben Wort ein anderer Vokal folgt.
In drei- oder mehrsilbigen Wörtern sind betonte vorletzte Silben lang.

Darüber hinaus entscheidet einmal das Lexikon und zum anderen die Grammatik, ob ein Vokal lang oder kurz ist.

Im Hexameter ist der 5. Versfuß fast immer ein Daktylus, er endet also mit:

.............  - v v - x

Im Pentameter können nur die zwei Versfüße vor der Penthemimeres durch Spondeen ersetzt werden; er endet also immer mit:

..............  - // - v v / - v v / -
                                     P = Penthemimeres

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Besonderheiten :

 

Aphärese  Der vokalische Anlaut bei 'est' wird nicht gesprochen, wenn das vorhergehende Wort auf einen Vokal oder 'm' endet. 
faciendum est ==>> faciendumst
Elision Das Zusammentreffen zweier Vokale über die Wortgrenze hinweg - ein Hiat - wird durch 'Ausstoßen' des ersten Vokals vermieden. Dasselbe gilt auch, wenn ein Wort auf Vokal mit 'm' endet oder das folgende mit einem 'h' anfängt. 
atque ita ==>> atquita      quantum erat ==>> quanterat
Hiat Das Zusammenstoßen von zwei Vokalen am Wortende und am Wortanfang wird innerhalb des Verses gelegentlich beibehalten, um eine Pause anzuzeigen. 
Eine Elision verhindert eine Pause. Zwischen Versende und Versanfang wird kein Hiat empfunden. 
Synaloephe Das Zusammentreffen zweier Vokale über die Wortgrenze hinweg - ein Hiat - wird durch 'Verschleifen' der Vokale vermieden. 
saepe ubi ==>> saepubi
Synizese Aus zwei Silben mit Vokal am Anfang und am Ende (de-in-de) wird eine (dein-de). Dieses gilt nur für zusammengesetzte Wörter. 

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scansio Tiberina - ein Leitfaden für den Hexameter

Dieser Leitfaden wurde von Tiberis (Für Rückfragen: www.latein.at unter dem Pseudonym Tiberis) zur Verfügung gestellt.

Tibi gratias maximas ago, mi Tiberis.

Für das Skandieren von Hexametern, im besonderen denen von Ovid, empfehle ich ein von mir höchstpersönlich entwickeltes – leider noch nicht patentiertes – Verfahren, die sog. scansio Tiberina.

Das funktioniert so:

  1. Schreibe den ganzen Vers auf, unterteile ihn in alle Silben unter Berücksichtigung etwaiger Elisionen. Nehmen wir einen x-beliebigen Vers, z.B. Met.1,5:
    ante mare et terras et quod tegit omnia caelum
    mare
    et sind nur 2 Silben, da das 'e' von mare vor et elidiert wird.
    somit schreiben wir:
    an/te/ mar/ et/ ter/ras/ et/ quod/ te/git/ om/ni/a/ cae/lum

    Noch ein Wort zu den Elisionen:
    Auch die Endungssilben -um/ -am / -em / -im werden vor einem Vokal im Anlaut elidiert und somit dann nicht als eigene Silbe gerechnet!
    z.B.:
    orandum est , ut sit mens sana in corpore sano.
    -um est = eine Silbe!

  2. Ermittle die letzten 5 Silben des Verses. diese werden immer gleich betont , nämlich - v v / - x
    in unserem Mustervers: omnia caelum.
    Nebenbei: die beiden letzten Wörter in jedem Vers haben immer "normale" Betonung (Prosabetonung).

  3. Es fehlen also noch die Quantitäten der ersten vier Metren.
    Um sie zu ermitteln, geht man folgendermaßen vor:
    Alle sicher positionslangen und naturlangen Silben werden mit einem Längezeichen gekennzeichnet (-), alle sicher kurzen Silben mit einem Kürzezeichen (v) , alle anderen mit einem Punkt (.).

    Eindeutig positionslang sind jene, wo auf einen Vokal zwei oder mehr Konsonanten folgen, ausgenommen die Konsonanten br, cr, fr, gr, pr, tr – vor diesen Konsonanten kann eine Silbe positionslang sein, muss aber nicht;
    eindeutig naturlang sind alle Diphthonge, wie ae, oe, au.

    Bei drei- und mehrsilbigen Wörtern kann man oft schon anhand der Prosabetonung Kürzen oder Längen erkennen, z.B. kann bei 'homines' die vorletzte Silbe nur kurz sein (v) , sonst würde man ja homínes betonen.

    Umgekehrt ist bei humanus die vorletzte Silbe lang, da sie ja betont ist.
    stellen wir also die gesicherten Quantitäten in den ersten vier Metren fest:
    an/te/ mar/ et/ ter/ras/ et/ quod/ te/git/
    -   .   .   -    -   .   -     -    .  .

Naturlang ( - ) sind folgende Endungen:

    • Nomen:
      -o / -i / - u
      -a (nur im Abl. der a-Dekl.) / -e (nur im Abl. der e-Dekl.)
      -as / -os / -es (außer Nom. Sg. der konsonantischen Dekl.)
      -is (nur als Dativ- und Abl.-Endung der a/o- Deklination)
    • Verb:
      -as / -es /
      -a / -i / -o

Kurz ( v ) hingegen sind immer:

    • Nomen:
      -is (als Genetivendung der kons. Deklination)
      -e (in Wörtern der kons. Deklination)
      -bus
      -us (wenn Nom. Sing.)
    • Verb:
      -at / -et / -it
       

Bei zweisilbigen Endungen ist auf die Prosabetonung zu achten: wird dort die vorletzte Silbe betont, muss diese lang sein: z.b. laudabámus, audíre, puellárum usw.
 

  1. Ein Punkt zwischen zwei Längen kann nur bedeuten, dass diese Silbe lang ist, denn eine Kürze kann und darf nicht allein stehen;
    somit ist -ras (von terras) lang.
     
  2. Alle übrigen noch verbleibenden Punkte müssen daher kurze Silben bezeichnen, damit die Vorgabe von vier Metren eingehalten werden kann.
    Wir lesen also:
    an/te/ mar/ et/ ter/ras/ et/ quod/ te/git/
    -   v   v / -    - / -   - /   -    v  v /
     
  3. Der gesamte Vers also:
    ante mare_et terras et quod tegit omnia caelum
    -  v  v  -    -  -  -    -   v v  -  vv  -  x

    oder in meiner (Bradtke9 Schreibweise (s.o.):
    ante mare_et terras et quod tegit omnia caelum
    -  v  v  -    =  -  =    -   v v  -  vv  -  x
     

Abschließend noch zwei Übungsbeispiele:
nulla domo tuta est , custos in limine nullus
nul/la / do/mo/ tu/tast/ cus/tos/ in / li/mi/ne/ nul/lus.
 

Die letzten 5 Silben müssen lauten:

limine nullus
 - v v  -  x)

 

Die ersten 4 Metren:
-/ . / . / - / . / - / - / - / -
 

1. Silbe ist immer lang; domo > naturlang, s.o.; custos> naturlang, s.o.
 

5. Silbe muss lang sein, da zwischen zwei Längen.
 

Somit lautet die Auflösung:
nulla domo tuta_(e)st custos in limine nullus.
 -  v  v -  -  -       -  -  -   - v v  -  x
 -  v  v -  =  -       =  -  =   - v v  -  x

tempore tam longo vidi, multa auribus hausi.
tem/ po/ re / tam / lon/ go / vi/ di / mult(a)/ au/ri/ bus/ hau/ si
 

die letzten 5 Silben:
auribus hausi
 -v v    - x 
 

die ersten 4 Metren: - v v / - - / - . / - - /
 

témpore :schon aus der Prosabetonung ergibt sich, dass das o kurz sein muss; das e des Ablativs ist ebenfalls kurz, s.o. vidi : Endung –i ist immer lang; vídi (die erste Silbe) muss lang sein, da sie zwischen 2 Längen steht.
 

Auflösung: 
tempore tam longo vidi mult(a)_auribus hausi.
 -  v v  -   -  -  - -  -     -   v v    - x
 -  v v  -   =  -  = -  =     -   v v    - x

 

99 Prozent aller Ovidverse sollten sich auf diese Weise entschlüsseln lassen. Dennoch gilt auch hier: keine Regel ohne Ausnahme! Abweichungen von der oben genannten Norm (in Bezug auf Längen und Kürzen von Endungen) kann es bei griechischen Eigennamen oder bei manchen zweisilbigen Wörtern geben (sog. Jambenkürzung); auch die Quantität der Silbe vor br, cr, fr, pr, tr, gr – man bezeichnet diese Konsonantenfolge als "muta cum liquida" – kann schwanken.
 

Aber im allgemeinen wird die „scansio Tiberina“ zum richtigen Ergebnis führen.
VIEL ERFOLG und GUTES GELINGEN!
 

Soweit die scansio Tiberina in aller Kürze. Für Rückfragen: www.latein.at unter dem Pseudonym Tiberis.
 

 

 

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